Tanz auf dem feurigen Asphalt: 10 km um die Elbinsel
Von Sebastian "Inselläufer" Lüning, www.insellaeufer.de
Wilhelmsburg ist eine Insel der eigenen Art. Flußumschlungen liegt die Insel Wilhelmsburg zwischen Norder- und Süderelbe, nur wenige Kilometer südlich von den Hamburger Landungsbrücken, die man bequem durch den Alten Elbtunnel erreichen kann. Wilhelmsburg ist die größte Binneninsel Europas, weltweit nur von Manhattan geschlagen. Teile des Hamburger Hafens Europas finden sich hier. Kilometerlange Deiche schützen die Elbinsel vor Überflutungen. Ohne es zu wissen sind wohl schon die meisten von uns auf dieser Insel gewesen. Die Autobahn A1 sowie verschiedene nationale Intercity -Bahnlinien queren Wilhelmsburg .
Und Wilhelmsburg hat auch seinen eigenen Insellauf. Im Prinzip sogar zwei, einen im Frühling und einen nun noch im Juli. Leicht zu erreichen und kostenmäßig überschaubar. Zwei Jahre waren ins Land gegangen, in denen ich meiner Insellaufsammlung keinen einzigen Lauf hinzufügen konnte. Rechts und links zischten die Inselläufer in der Rangliste an mir vorbei, allein ich blieb standhaft und verteidigte eisern den A ltbestand meiner 7 Inselchen. Dabei habe ich natürlich eine gute Ausrede, zumindest für die letzten 14 Monate, wo mich eine hartnäckige Leistenbandentzündung zur läuferischen Untätigkeit zwang. Nach 8 verletzten Monaten platzte mir schließlich der Kragen und ich ließ Deutschlands besten Schambeinentzündungsdoc in Berlin mit seinen Messerchen ran. Die OP war sehr erfolgreich, der Inselläufer 8 Wochen später wieder schmerzfrei lauffähig. Nun hatte sich aber das rechte Knie scheinbar so an die Ruhe gewöhnt, daß es nach einigen Trainingsläufchen den Betrieb einstellte. Ein Monat Zwangspause. Danach hatte das Knie wohl seinen Fehler eingesehen, wollte und konnte plötzlich wieder laufen. Leider aber hatte es seinem Kameraden, dem linken Knie nicht weitergesagt, daß Widerstand zwecklos ist. Nun entzündete sich also schnellstmöglich das linke Knie, weitere sechs Wochen auf der Sonnenliege folgten. Nach einem vorsichtigen Neubeginn Anfang Juli war dann die volle Funktionsfähigkeit des Inselläufers wieder hergestellt, und ich hoffe dies bleibt nun auch so!
Und so kam es, daß die Insel Wilhelmsburg als Schauplatz für meinen läuferischen Neustart herhalten mußte. Ein bisschen Wettkampfluft schnuppern und gleichzeitig eine neue Insel erlaufen, das waren die erklärten Ziele dieses kleinen Ausflugs. Die Familie konnte für dieses Abenteuer nicht als Begleitung gewonnen werden, fürchtete sie doch um ihren wertvollen Sonntagsschlaf gebracht zu werden. So tuckerte ich am Wettkampfmorgen gemütlich über die Autobahn, in Vorfreude auf das da kommende Inselerlebnis. Die A7 verließ ich an ungewohnter Stelle irgendwo im Hamburger Hafen. Plötzlich stellte sich mir ein Zollamt in den Weg, sollte das Navigationssystem versagt haben? Nein, es hatte alles seine Richtigkeit. Es ging die riesige Köhlbrandtbrücke hinauf, und dann gleich wieder hinunter. Und dann berührte ich erstmals bewusst Wilhelmsburger Inselboden. Die ersten Absperrgitter der Veranstaltung kamen in Sicht, ein Parkplatz in Start/Ziel-Nähe war rasch gefunden.
Der Lauf sollte 25 km rund um die Insel führen, für Kürzertreter wie mich auf Wunsch auch nur häppchenweise als Vielfaches einer 5 km-Grundeinheit zu konsumieren. Die Aufsplitterung auf 5 verschiedene Wettkämpfe ermöglicht jedem fast automatisch den Altersklassensieg. Apropos Sieg. Hierum soll es bei den Laufwettbewerben hier eigentlich gar nicht gehen, heißt doch die Veranstaltung etwas umständlich „1. IBA Fun Run´n´Roll 25 km rund um Wilhelmsburg“. Die Betonung liegt ausdrücklich auf „Fun“. Der Veranstaltungsmoderator empfiehlt sogar Läufern, die es nicht rechtzeitig zu ihrem jeweiligen Start schaffen, später in den Lauf einzusteigen und dann mit den restlichen Teilnehmern zusammen ins Ziel zu laufen. Zwar gibt es eine Zeitmessung, die kostet aber 3 Euro extra. Ich investiere kräftig und bekomme als 10 km-Nachmelder für 11 Euro neben meiner Startnummer auch eine elektronische Fußfessel, die mir am Ende mein Laufresultat bescheren soll. Denn mit der Zeit habe ich noch etwas vor. Außerdem wartet im Ziel eine goldene Medaille auf mich.
Fun bedeutet aber auch, daß nicht nur gelaufen wird. Im Prinzip sind die Läufer eigentlich nur Begleitmusik, denn das Hauptevent auf Wilhelmsburg ist der IBA-Hamburg Inline Marathon. Hier tritt die deutsche Spitze des Rollschuhsports gegeneinander an. Heute in Wilhelmsburg, morgen in München und übermorgen in Düsseldorf. Die bestens durchorganisierte und kräftig werbeunterstützte Karawane rollt durch die Lande. Bislang war ich selbst wenig mit Inlinefahrern in Kontakt geraten, daher nutze ich die Wartezeit bis zu meinem Lauf und gucke ich mir das Spektakel der Rollenbändiger etwas genauer an. Können wir Läufer vielleicht etwas von denen dazulernen? Zum Beispiel unterscheiden sich die Top-Leute von den normalen Rollschuhfahrern dadurch, dass sie eine Lizenz besitzen. Vermutlich ist das eine Lizenz zum Schnellfahren. Sollten wir daher über eine Lizenz zum Schnelllaufen nachdenken? Bisher hat es auch ohne ganz gut geklappt. Weiterhin gab es zu lernen, dass Windschattenfahren bei den Inlinern bis zu 40% Energie spart, das ist mehr als beim Rennradfahren. Windschattenlaufen hingegen ist eher langweilig. Ein weiteres Spannungselement beim Inlinern erinnert mich sehr an die Faszination des Boxens oder der Formel 1, denn beim Inlinern besteht jederzeit die Gefahr aufregender Massenstürze. An diesem Tag muss es aber auch ein weniger spektakulärer Zwischenfall tun, nämlich der Krampf einer Spitzeninlinerin bei der Abfahrt von der Köhlbrandtbrücke, der brandheiss vom Moderator in den Start/Ziel-Bereich gemeldet wird.
Nachdem alle Inliner auf die Reise geschickt waren, kamen die Rahmenwettbewerbe an die Reihe, bei denen allerlei Fortbewegungsarten gleichzeitig auf die Strecke geschickt wurden. Zuvor jedoch mußte noch Einigung über die korrekte Befestigung der Startnummern erzielt werden. Sollte sie hinten auf den Rücken, wie in der offiziellen Ausschreibung verlangt, oder doch lieber altmodisch-konventionell auf die Brust, wie eine mündliche Nachauskunft von Veranstalterseite lautete. Aber dies war noch das kleinere Problem, denn es gab auch noch eine Beinnummer, die per Nadel auf dem linken Oberschenkel zu fixieren war. Wirkt Akkupunktur eigentlich leistungssteigernd? Steht es möglicherweise sogar auf der Dopingliste? Ein Busshuttle brachte meine 10 Mitstreiter und mich zum 10 km Start. Schnell kommt man in Kontakt. Zwei Ur-Wilhelmsburger sitzen mir gegenüber, der eine M70 New York City Marathon Veteran und gehobener Restaurantbesitzer, der andere vielleicht M60. Die besten Stadtführer die man sich vorstellen kann. So gerät der Busshuttle zur kurzweiligen Inselrundfahrt mit Präsentation der wichtigsten Bauten, Erörterung der geschichtlichen Entwicklung und einer fundierten Sozialprognose. Überhaupt ist das reifere Alter in der Überzahl. Am anderen Ende des Spektrums komme ich mit einem geschätzt 12 jährigen Läufer ins Gespräch. Was hat ihn bewogen die 10 km zu versuchen? Die längste Strecke die er bisher am Stück durchgehalten hatte, waren eineinhalb Kilometer. Heute soll es dann gleich etwas länger sein. Mit Blick auf den Himmel und die daraus herabstrahlenden 26°C (gefühlte über 30°C) versuche ich ihm zu erläutern, dass schon das Bezwingen einer Teildistanz der angestrebten 10 km bei dieser Hitze als großer Erfolg zu verstehen sei. Ebenfalls an den Start gingen zwei mit Fläschchen gut versorgte Kleinkinder, die ihren Inline-Mutter-Motor mitgebracht hatten.
Schließlich kam der Bus zum halten und die Mannschaft wanderte die letzten paar hundert Meter Richtung Start. Aber wo war nur der Start? Der Starter zückte Karte und Satellitenortungssytem und begann zu suchen. Nach 5 Minuten dann Erleichterung, die Startmarkierung war entdeckt, es konnte losgehen. Der Startschuß wurde vorbereitet. Kurz vor dem Signal kam atemlos ein nummernloser, dunkel be-T-Shirteter Läufer angeradelt. Er fragt, ob dies der 10 km Start sei. Ja, das ist richtig. Er wäre Schwarzläufer, ob man noch eben mit dem Start warten könnte bis er sein Fahrrad angeschlossen und sich an der Linie aufgestellt hätte. Kann man nicht, und es geht sofort los. Der Schwarzläufer hat das Nachsehen. Per Handy wird der Startknall an die Zeitnehmer im Ziel durchgesagt.
Hinter hohen Deichen geht es windlos durch die Hitze. Ich genieße die ersten Wettkampfschritte nach langer Pause. Klar, ich muß auf Ankommen laufen. Aber der Lohn ist diesmal keine gute Zeit oder Platzierung, der Lohn wird die neu erlaufene Elbinsel Wilhelmsburg sein. Zwei Läufer haben sich vor mir einrangiert. Ich bleibe vorsichtig, versuche dann aber doch mit einem fitten M50er mitzuhalten. Aber er ist besser drauf als ich, daher lasse ich ihn ziehen. Bei der 5 km Marke merke ich, daß dieser Lauf an die Substanz gehen wird. Das Tempo ist zwar langsam, aber das gänzliche Fehlen irgendeines Trainings kostet unheimlich Kraft. Am Ende werde ich 10 Minuten langsamer als meine Bestzeit laufen und fühle mich trotzdem so kaputt wie selten zuvor. Und dies ist auch gut so, denn der Lauf soll der Anfang eines kleinen Experiments werden. Die zugrunde liegende Frage: Wieviel Leistungsverbesserung bringt eigentlich ein systematisches und regelmäßiges Training? Und wie schnell geht der Konditionsaufbau? Der Wilhelmsburger Insellauf setzt nun den Nullpunkt in meiner Meßkurve. In den kommenden Wochen, wenn ich mit meinem Trainig begonnen habe, werde ich erneut an 10 km Wettkämpfen teilnehmen und bin schon jetzt gespannt, wie sich die Zeiten entwickeln werden. Falls keine neuerliche Verletzung dazwischenkommt, werde ich die Ergebnisse des Experiments hier auf insellaeufer.de in ein paar Monaten präsentieren können.
Aber zurück zum Rennen. Die 5 km Marke ist gleichzeitig Start für den 5 km Lauf, der kurz vor unserem Eintreffen gestartet wurde. Ein ganzes Dutzend Hüpfstelzenläufer stakst flott voran. Die seltsam wippenden Froschbeine heißen Power Risers. Ob die auch im Hoch- und Weitsprung zugelassen sind? Für das Laufen augenscheinlich ja, aber vorerst nur beim Insellauf auf Wilhelmsburg. An Versorgungsständen mangelt es nicht, auch wenn auf der zweiten Hälfte der Strecke wohl mehr Bier- als Wasserstände aufgebaut sind. Das Publikum steht zwar nicht dicht gepackt in Dreierreihen, dennoch machen die vorhandenen Zuschauer kräftig Lärm. Kilometermarkierungen gibt es leider nicht, die an den Kurven platzierten Veranstaltungshelfer kündigen aber die letzten Kilometer unüberhörbar an. Es geht auf die Schlußgerade, und die ist lang. Das Ziel bereits vor Augen muß dann aber noch ein ganzer Kilometer geschafft werden, bevor nach 43:15 Minuten de r Motor heruntergefahren werden kann. Auf einem historischen Gebäude im Zielbereich prangt der ursprünglich vielleicht für die Wilhelmsburger Hafenarbeiter gedachte Spruch „Ohne Fleiss kein Preis“. Unser Preis an diesem Tag glänzte jedenfalls golden und wurde uns nach Überschreiten der Ziellinie sogleich um den Hals gehängt.
25 km rund um Wilhelmsburg – Ein Lauf der etwas anderen Art. Gut organisiert und mit begeisterungsfähigem Publikum. Ein schneller Kurs und dennoch kein Wettkampf um Bestzeiten zu erzielen. Danke Wilhelmsburg für meinen achten Inselpunkt.
Text und Fotos © 2007 Sebastian Lüning, www.insellaeufer.de
Wir danken freundlichst für die Genehmigung zur Übernahme des Textes und der Fotos.
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Der Beweis: Wilhelmsburg ist eine Insel! Benannt ist die Insel nach Herzog Georg Wilhelm von Celle
Vor dem Inlinerrennen wurde erstmal die von Halteverbotsschildern gesäumte Strecke kräftig entrümpelt. Trotzdem waren die Wagenbesitzer nicht allzu böse. Der abgebildete Wagen wurde ein paar Sekunden später an dieser Stelle in die Parkbucht gehievt, nachdem er an anderer Stelle entfernt worden war. Ein kluger Veranstalter der mitdenkt!

Vorbereitungen im Inliner-Start-/Zielgelände. Die Laufstarts fanden an diversen Punkten in Wilhelmsburg statt, das Ziel hingegen war für alle gleich.

Habe ich meine Lizenz auch eingepackt?

Komm ich jetzt ins Fernsehen?

Das schönere Motiv wäre weiter unten gewesen.

Ein farblich gut aufeinander abgestimmtes Orgateam. Aber auch sonst hat alles reibungslos geklappt.

All diese Damen haben Lizenzen.

Links kostet es 5 Euro mehr.

Die Ideallinie.

Praktisch für alle die ihre Uhr vergessen hatten.
An dieser Stelle war dann die Batterie meines Fotoapparates leer. Gerne hätte ich Euch noch ein paar Bilder vom 10 km Lauf geknippst. Vielleicht war es aber auch besser so, weil ich so verschwitzt war, dass die Kamera vermutlich abgesoffen wäre...